Dienstag, 30.10.2012, 19:30 Uhr

"Spuren im Unermesslichen"

Die Gedichte des aus fünf Zyklen zusammengesetzten, auf dem Ätna entstandenen Bandes gleichen architektonischen Mustern, musikalischen Strukturen: Maß, Rhythmus und Klang sind ihnen eingeschrieben. In solcher Ordnung herrscht das Gesetz unaufhörlichen Austauschs, betörender Wechselbeziehung, erahnbarer Harmonie durch polare Wirkungen, ausgerichtet an den Energien und Prozessen, Symmetrien und Normen in Natur und All. Wie dort Materie und Geist untrennbar eins sind, so auch hier, im Gewebe der Silben und Laute: Alles spricht mit allem, spiegelt die zahllosen Abstufungen zwischen den Erscheinungsformen wider, fügt sich ein ins Kontinuum, dessen Teile, ob Wesen oder Ding, von ähnlicher Stofflichkeit und durchgängigem Bewusstsein zeugen. Dieses Abbild unfassbarer Komplexität ruft nicht nur die verlorene Idee einer ursprünglichen Ganzheit in Erinnerung, sondern weist dem Menschen seinen Ort zu. Aufgehoben im Raum, der ihm Daseinsgrund, Orientierung und Sinn gewährt, steht er der Welt nicht mehr losgelöst gegenüber, kann er sie nicht mehr nach eigenem Ermessen aufspalten und zerstören. Aus der wiedergefundenen inneren und äußeren Mitte vernimmt er die Botschaft: Das Ich ist nichts ohne das Andere in mannigfacher Gestalt, ohne die Anerkenntnis des Unermesslichen.


JOCHEN WINTER, geboren 1957 in Schwetzingen, lebt als Lyriker, Essayist und Übersetzer in Paris und Sant‘ Alfio/Sizilien. Er erhielt das Jahresstipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung sowie den Ernst-Meister-Preis und ist korrespondierendes Mitglied der Académie européenne de poésie in Luxemburg.

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