Vom Fenstersturz in Prag zum Frieden in Münster: Bücher zum Dreißigjährigen Krieg

Münkler Krieg

Es begann mit einem Fenstersturz in Prag, am 23. Mai 1618 - also vor 400 Jahren. Und was da begann, ist als eine der größten Katastrophen der Neuzeit zu betrachten. Die Ordnung Europas wurde auf den Kopf gestellt - mit Folgen bis heute. Protestanten und Katholiken inszenierten einen der größten Glaubenskriege. Insgesamt waren am Ende 8 000 000 Tote zu beklagen. Ganze Städte - wie zum Beispiel Magdeburg - wurden sozusagen „ausradiert“. Armageddon, Jüngstes Gericht, die letzten Tage der Menschheit - Historiker, Politologen und Schriftsteller sind bemüht, für diesen Krieg der Kriege einen Ausdruck zu finden.

Alles, was sich an Grausamkeit denken lässt, ist im Dreißigjährigen Krieg Wirklichkeit geworden. Frauen wurden in aller Öffentlichkeit vergewaltigt. Der „Schwedentrunk“ ist das gewesen, was heute vielleicht mit Waterboarding zu vergleichen ist - nur noch ekelhafter. Es wurde gefoltert, getötet, geplündert….  Es wurde von Kannibalismus berichtet. Schrecken allenthalben und überall. Der Historiker Georg Schmidt beschreibt in seiner lesenswerten Geschichte des Dreißigjährigen Krieges das apokalyptische Geschehen als „absoluten Tabu- und Zivilisationsbruch“.

Dreißig lange Jahre sollte das Gemetzel dauern - bis zum Westfälischen Frieden 1648 in Münster. Beteiligt waren nicht nur Katholiken und Protestanten, sondern alle politischen Mächte Europas im 17. Jahrhundert. So war der Dreißigjährige Krieg eine Summe mehrerer Kriege: der Böhmisch-Pfälzische Krieg, der Dänisch-Niedersächsische Krieg, der Schwedische Krieg und der Schwedisch-Französische Krieg. Alle diese Mächte waren mehr oder weniger erfolgreich involviert. Und am Ende haben alle verloren.

Herfried Münkler, seines Zeichens Politologe, sieht in diesem Krieg deshalb eine europäische Katastrophe, ein deutsches Trauma. Seine umfangreiche Studie über den Dreißigjährigen Krieg verweist in die Kriege unserer Zeit, die sich aus ihm vielleicht besser verstehen lassen.

Eine der eindrucksvollsten Schilderungen dieses Krieges hat uns Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen mit Der abenteuerliche Simplicissimus hinterlassen - „ein Erzähler von unwillkürlichster Großartigkeit, bunt, wild, roh, amüsant, verliebt und verlumpt… kochend von Leben, mit Tod und Teufel auf Du und Du“ (Thomas Mann).

„Eine neue Geschichte des Dreißigjährigen Krieges“ verspricht uns dagegen Johannes Burkhardt mit seinem BuchDer Krieg der Kriege. Neben seiner eindringlichen Schilderung des zivilisationsbedrohenden Kriegsgeschehens sind es die staats- und religionspolitischen Interessen, die Burckhardt neu gewichtet. Und es ist die Friedensdiplomatie, die er ins Zentrum seiner Deutung stellt.

Immer wieder hat der Dreißigjährige Krieg auch Dichter und Schriftsteller, angefangen von Grimmelshausen, beschäftigt. Zuletzt Daniel Kehlmann, der in seinem Roman Tyll von den körperlichen und seelischen Verwüstungen erzählt, die dieser Krieg stellvertretend für alle Kriege mit sich gebracht hat.

© Günter Nawe

Herfried Münkler, Der Dreißigjährige Krieg. Rowohlt Verlag, 976 S., 39,95 €

Johannes Burkhardt, Der Krieg der Kriege. Verlag Klett-Cotta, 296 S., 25,- €

Georg Schmidt, Der Reiter der Apokalypse. Verlag C.H. Beck, 810 S., 32,- €

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch. Aus dem Deutsch des 17. Jahrhunderts von Reinhard Kaiser. Die Andere Bibliothek, 768 S., 26,- €

Daniel Kehlmann, Tyll. Rowohlt Verlag, 480 S., 22,95 €