Unser Buch des Monats Dezember 2018Hering, Kartoffeln und saure Gurken: Peter Neumann über den "Club der freien Geister"

Neumann Jena

1800 - ein Jahr und mehr, in dem „Weltgeschichte und Weltgeist aufeinanderprallen“. So jedenfalls charakterisiert Peter Neumann, Professor an der Friedrich-Schiller-Universität Jena diese ereignisreiche Zeit. Die politischen Verhältnisse in Europa sind seit der Französischen Revolution ins Wanken geraten. Napoleon ist (noch) Herr über Europa. Und Immanuel Kants Kritik der reinen Vernunft (1781) kann als geistige Revolution gelesen werden.

Eine Gruppe von Philosophen und Dichtern - mehr oder weniger ansässig im thüringischen Jena - beginnen unter eben diesem Kantischen Einfluss auf lange Sicht nicht nur die Literaturgeschichte zu beeinflussen. Zusammengefunden haben sie sich nicht in Berlin und nicht in Weimar - was eher zu vermuten gewesen wäre -, sondern in deutscher Provinz, im Universitätsstädtchen Jena. Es sind die Brüder Friedrich und Wilhelm Schlegel und ihre Frauen Caroline und Dorothea, Ludwig Tieck und Clemens Brentano und der Dichter Novalis, die Philosophen Friedrich Schelling und Johann Gottlieb Fichte. Irgendwann spielt auch Hegel in diesem Kreis eine Rolle. Und aus dem nahen Weimar stieß auch Goethe immer wieder zu dieser Gruppe, die ihre Zusammenkünfte häufig bei Hering, Kartoffeln und sauren Gurken zelebrierten.

Eine Republik der freien Geister nennt Peter Neumann sein überaus interessantes Buch, in dem er eine Art Sternstunde der europäischen Geistesgeschichte im wahrsten Sinne zum Strahlen bringt. Er beschreibt nicht nur auf ernsthafte, sondern höchst amüsante Weise eine - wie wir heute sagen würden - Community, die sich permanent einen Ideenaustausch über Freiheit und Natur und Liebe lieferte: nicht immer im Konsens, oft im heftigen Widerstreit. In einem aber sind sie sich weitestgehend einig: der Mensch und sein Verhältnis zu Erkenntnis, Freiheit und Verantwortung sind neu zu denken. Peter Neumann: „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen, lautete die Maxime Kants. Kein gebildeter Mensch kann dahinter zurück. Es gibt keine Inseln ewiger Wahrheiten, auch keine unschuldige Wissenschaft in der Abgeschiedenheit ehrwürdiger Universität mehr. … Die alten Überzeugungssysteme gelten nicht mehr.“ Was also um 1800 in Jena verhandelt wurde - es gilt im besten Sinne auch heute wieder.

Jena also und die Protagonisten in diesem außergewöhnlichen Buch - sie werden, so Neumann - zum „geistig-kulturellen Mittelpunkt des gesamten europäischen Kontinents“. Man trifft sich in Wohnungen, so in der Leutragasse, die zeitweise zu einem literarisch-philosophischen Salon wird; man „symphilosophiert“ miteinander und „symfaulenzt“ - und schafft Werke, die über die Zeit hinaus reichen. So Lucinde, der Roman, in dem Friedrich Schlegel sich mit einem neuen Verständnis von Liebe auseinandersetzt.

Peter Neumann zeichnet die einzelnen Mitglieder dieses Clubs der freien Geister, diese zentralen Figuren der Spätromantik, in herrlichen Porträts nach. Er erzählt auf wunderbare Weise von ihren Lebensentwürfen und über ihre intellektuelle Biographie - und von dem, was sie gedacht, geschrieben und philosophiert haben. Am Ende stellt Peter Neumann und letztlich auch der Leser fest, dass sich bis heute so viel nicht geändert hat. So schreibt er zum Beispiel: „Heute ist Schillings Naturbegriff aktueller denn je“. Und auch heute sind es wieder gesellschaftliche Umbrüche, die uns beschäftigen, die uns zwingen, sich selbst und die Welt um uns herum neu zu denken.

Mit seinem Buch gibt Peter Neumann einen willkommenen Anlass dazu - und eine Anregung, sich mit den Protagonisten seines Buchs erneut zu befassen und in dem einen und anderen Falle ihre Werke mal wieder zu lesen.

© Günter Nawe

Peter Neumann, Jena 1800. Die Republik der feien Geister. Siedler Verlag, 256 S., 22,- €